UnNews:Darf Satire danebenliegen?

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Berlin (Deutschland), 26.04.2021: Was darf Satire? Als führende deutschsprachige Satireplattform glaubten wir diese Frage eigentlich längst geklärt. Doch nachdem ein Trüppchen schauspielernder Satirenovizen unter dem Häschtäg #allesdichtmachen für leichtes Shitstormaufkommen gesorgt hat, wurde insbesondere von öffentlich-rechtlicher Seite die Ansicht laut, Satire dürfe doch nicht so danebenliegen. Das möchte UnNews nun doch genauer wissen und befragte zu diesem Thema die renommierte Satireprofessorin Mandy Schnargel-Dieffenbroich von der Fernuniversität Nahe. Hier das gesamte Interview:

Audio-input-microphone.svg Unterview 
exklusiv und ungekürzt!
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Mandy Schnargel-Dieffenbroich, Leiterin des Fachbereichs Dummsprech der Fernuniversität Nahe
UnNews: „Frau Professorin Schnargel-Dieffenbroich, Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit den rechtlichen, moralischen und humoristischen Aspekten des Satirewesens. Sie haben schon im letzten Jahrtausend das klassische Tucholsky-Theorem Satire darf alles für unzureichend erklärt und mit dem Dieffenbroich-Korollar außer langweilen versehen, was die moderne quantenanalytische Hochleistungssatire erst möglich gemacht hat. Auch Ihre Verdienste um die Uncyclopedia möchten wir in diesem Zusammenhang hervorheben, wenngleich wir auf Anraten unserer Rechtsabteilung darüber hinaus noch (widerwillig) zur Einhaltung einschlägiger Gesetze auffordern. Doch nun steht die Forderung im Raum, Satire dürfe auch nicht danebenliegen. Ist sie berechtigt, und wenn ja, was bedeutet das für das Satirewesen?“

Mandy Schnargel-Dieffenbroich: „Diese Ansicht ist wissenschaftlich nicht haltbar. Fakten sind für satirische Werke von hoher Irrelevanz, das lässt sich statistisch ebenso nachweisen wie empirisch. Ich würde sogar das Gegenteil behaupten: Satire muss auch mal danebenliegen, sonst läuft sie Gefahr, zur Berichterstattung zu werden. Und damit geht eine hohe Langeweilegefahr einher. Schon das widerlegt die Aussage im Grunde.“

UnNews: „Das leuchtet ein. Und wie bewerten Sie den aktuellen Wirbel um #allesdichtmachen hinsichtlich der Voraussetzungen für Satire bzw. gute Satire?“

Mandy Schnargel-Dieffenbroich: „Hier muss man zwei Punkte unterscheiden. Zunächst einmal die Frage, ob die Aktion langweilt und sich damit als Satire disqualifiziert. Angesichts der lebhaften Rezeption lässt sich das klar verneinen. Wäre die Aktion langweilig, dann hätte sie nicht ein so breites mediales Echo gefunden.“

UnNews: „Und der zweite Punkt?“

Mandy Schnargel-Dieffenbroich: „Da komme ich wieder auf Ihre Eingangsfrage zurück. Darf Satire so danebenliegen? Ja, sie darf. Es ist ausdrücklich erlaubt, sich über die vielen Tausend Covid-Patienten lustig zu machen, die röchelnd auf unseren Intensivstationen verrecken. Auch die Ärzte und Pflegekräfte, die sich auf diesen Stationen abschuften, dürfen nach Kräften durch den Kakao gezogen werden. Das nennt man Kunstfreiheit. Diese Kunstfreiheit steht, wie der Name schon sagt, insbesondere Künstlern zu, also auch den Aktionskünstlern von #allesdichtmachen.“

UnNews: „Heißt das, Sie geben den Künstlern recht?“

Mandy Schnargel-Dieffenbroich: „Das will ich damit nicht sagen. Hier geht es um Meinungsfreiheit, und ich bin in dieser Hinsicht völlig meinungsfrei. Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut in unserer pluralistischen Gesellschaft. Gerade in dieser Krisenzeit wird das doch immer wieder deutlich. Wir lassen uns die Meinungsfreiheit und den Pluralismus richtig etwas kosten, und wenn es achtzigtausend Tote sind.“

UnNews: „Wie ist denn das zu verstehen?“

Mandy Schnargel-Dieffenbroich: „Das ist doch offensichtlich. Wir zeigen der Welt, dass auch die Demokratie über Leichen gehen kann, nicht nur Autokraten und Diktatoren. Wir demonstrieren die Überlegenheit unseres Gemeinwesens dadurch, dass jede Maßnahme, die halbwegs effizient zur Eindämmung der Pandemie beitragen könnte, so lange in Gremien und föderalen Ebenen zerredet, von trantütigen Ministerpräsidenten relativiert, verschnarchten Bürgermeistern abgewogen, inkompetenten Amtsrichtern torpediert und selbstverliebten FDP-Vorsitzenden breitgetreten werden kann, bis ihre Voraussetzungen durch Zeitablauf bzw. neue Infektionsrekorde ohnehin entfallen sind. Wir diskutieren selbst dann noch weiter, wenn die ersten Zuhörer schon beatmet werden müssen. Vielleicht merken Sie es noch gar nicht, aber eines Tages wird man diese Zeit als das goldene Zeitalter der Meinungsfreiheit, der Kunstfreiheit und ja, auch der Satire feiern.“

UnNews: „Wir haben uns schon gefragt, wann Sie zum Thema zurückkommen.“

Mandy Schnargel-Dieffenbroich: „Ich habe es nie verlassen.“

UnNews: „Was sagen Sie zu dem Vorwurf, die Aktion würde Beifall von der falschen Seite ernten?“

Mandy Schnargel-Dieffenbroich: „Sie meinen von der AfD? Statistisch gesehen kann das jedem Satiriker passieren, denn es ist nicht vorhersehbar, welchem Trend ein Populist als nächstes hinterherrennt. Wer allerdings von der AfD Beifall bezieht, könnte schnell in einen Strudel sterbenslangweiliger Filterblasen geraten, und dann greift wieder der erste oben genannte Punkt.“

UnNews: „Welchen Rat würden Sie dem Künstlerkollektiv #allesdichtmachen für die Weiterführung der Aktion geben?“

Mandy Schnargel-Dieffenbroich: „In die Offensive gehen. Die ersten Reaktionen waren, wie so oft, die falschen. Videos zurückzuziehen und sich vom eigenen Werk zu distanzieren, nur weil ein paar Infizierte keinen Spaß verstehen, das ist nicht gerade souverän. Besser wäre es, den Spieß umzudrehen und den Virenhysterikern zu zeigen, dass Humor auch ansteckend sein kann! Als Schauspieler und Bühnenkünstler sollten die Beteiligten wissen, dass gerade besonders peinliche Auftritte den größten Eindruck machen können, wenn man sie nur mit genug Verve und Stehvermögen durchzieht. Satire darf nicht nur danebenliegen, der Satiriker ist ausdrücklich aufgefordert, sich komplett zum Horst zu machen. Schließlich besteht bei den Künstlern ohnehin nicht mehr die Gefahr, noch von irgend jemandem ernst genommen zu werden.“

UnNews: „Frau Professorin, wir bedanken uns herzlich für dieses Gespräch.“